Gut drauf: Simon Ammann vor den Oberstdorfer Sprungschanzen bei den Nordischen Skiweltmeisterschaften.  Bild: Facebook Simon Ammann

Die Skisprungsaison ist vorbei. Simon Ammann der Doppel-Doppel-Olympiasieger blickt auf einen schwierigen Winter zurück. Im Interview strahlt Simon Ammann viel Optimismus für sein letztes Ziel aus. Auf dem Weg dorthin sollen ihn auch die sanierten Einsiedler Schanzen beflügeln.

  • Interview Wolfgang Holz, Einsiedler Anzeiger

Herr Ammann, wo sind Sie gerade?

Ich bin jetzt zu Hause in Schindellegi. Wir wollen umziehen auf Ende April nach Alt St. Johann, wenn dort die Frühlingsferien beginnen. Das ist eine Gemeinde in Unterwasser, wo ich aufgewachsen bin. Wir suchen ja schon lange etwas im Toggenburg, es war aber bisher schwierig, etwas zu finden. Nun haben wir etwas gefunden, das unseren Ansprüchen gerecht wird. Der Wunsch, in die Heimat umzuziehen, ist latent schon lange vorhanden. Aber man findet eben nicht so schnell einen Fleck, wo man sich wohlfühlt.

Wie gehts Ihnen nach der gerade beendeten Skisprungsaison?

Vorerst möchte ich anfügen, dass ich sicher sehr dankbar bin, dass wir überhaupt eine Saison hatten, und sich die Organisationen ins Zeug gelegt, haben, um den Sport auf der Bildfläche zu halten. Persönlich spüre ich schon eine ziemliche Müdigkeit. Zwar hatte ich früher auch schon Saisons, nach denen ich mich sehr müde fühlte. Aber dieser Winter war für mich sehr speziell. Zum einen, weil ich den Eindruck hatte, dass die Saison sehr schnell vorbei war. Die Saison empfand ich in diesem Sinn als sehr kurzweilig. Zum anderen hat die Tatsache, dass es keine Zuschauer bei den Springen gab, dazu geführt, dass wir die Schanzen anders angetroffen haben.

Wie meinen Sie das konkret?

In Garmisch-Partenkirchen hatten wir beispielsweise am unteren Ende der Schanze, dort wo normalerweise die Zuschauer stehen, unsere Umkleidekabinen. Dadurch hatte man plötzlich eine ganz anderer Perspektive auf die Schanze. Und auch in Engelberg konnte man sich ganz frei bewegen. Das war sehr interessant.

Fanden Sie diese veränderten Bedingungen negativ oder positiv?

Für jemanden wie mich, der schon lange beim Skispringen dabei ist, fand ich das sehr spannend. Für mich geht es auch immer darum, das Beste aus der Situation zu machen. Unterm Strich muss ich aber sagen, gerade da die Saison für mich nicht so gut gelaufen ist, dass meine Art zu Springen schon auch von der Interaktion mit den Zuschauern lebt. Diese Verbindung mit dem Publikum habe ich sehr vermisst. Deshalb hat es mir beispielsweise gut getan, als mir zuletzt in Planica beim Skifliegen ein Ordner, der die Akkreditierungen kontrollierte, zu mir sagte: «Ah, Ammann –Legenda!» – und mir auf die Schultern klopfte. Gerade an den Schanzen, wo es sonst viel Publikum gibt, hatte es dieses Jahr eben gar keine Zuschauer. Und das war schon schade. Alles zusammen hat mich sehr viel Energie gekostet. Es war wirklich eine harte Saison.

Sie haben gerade gesagt, dass Ihnen diese Saison nicht so gut gelaufen ist. Wie lautet Ihr Fazit für den vergangenen Winter?

Es war für mich schon sehr ernüchternd. Ich übe meinen Sport ambitioniert aus. Ich habe mich einmal in Willingen an die Top Ten herankämpfen können. Das war eine Folge in der Änderung der Materialabstimmung. Das hat wirklich sehr viel gebracht. Nachher war es aber so, dass ich einen weiteren Schub benötigt hätte, um weiter voranzukommen. Aber ich konnte mich in dem Wettkampfprozedere einfach nicht frei weiterentwickeln. Das wäre für die WM wichtig gewesen.

«Die Schnellkraft ist sicher die Knacknuss für ältere Athleten.»

Was waren für Sie dann die Highlights?

Einerseits der Sieg im COC-Springen in Innsbruck Mitte Januar nach der Vierschanzentournee. Ich habe in dieser Kategorie ja noch nie ein Springen gewonnen. Und dann natürlich die Top-
Ten-Platzierung in Willingen. 

Was ist Ihnen nicht so gelungen?

(denkt einige Zeit nach) Gelungen ist es mir eigentlich nicht, den guten Aufbau, den ich mir im Sommer erarbeitet hatte, in der Wettkampfsaison umzusetzen. Die Materialänderung mit dem neuen Schuh nach der Tournee war dann wirklich enorm wichtig. 

War dann das Springen mit dem neuen Schuh für Sie dann ein Fortschritt? Sie sind ja bekannt als Tüftler.

Es war danach auf jeden Fall viel besser. Ich konnte viel mehr Sprungenergie umsetzen, und der neue Schuh hat gleichzeitig mehr entlastet. Insgesamt hatte ich in Sachen Material und Technik für mich ein gewisses Selbstverständnis visualisiert –  diese Prognose ist aber dann in der Wettkampfpraxis so leider nicht aufgegangen. Da muss ich sicher noch einmal über die Bücher, wenn die Zukunft noch einen Sinn machen soll.

Sie sind so alt wie Roger Federer und werden dieses Jahr 40. Wie schwer ist es denn da, überhaupt noch Leistungssport zu betreiben?

Ich würde sagen, man muss immer dranbleiben. Es gab noch einen Coronafall im Herbst, für den ich zwar nicht verantwortlich war, der aber zu einer Quarantäne führte. Solche Unterbrüche sind schon viel schwieriger wegzustecken als früher. Man ist darauf angewiesen, keine Verletzungen zu erleiden und keine Unterbrechungen zu haben, damit ich das, was ich tue, immer schön sauber weiterführen kann. Die Schnellkraft, die Sprunggelenke, das Bindegewebe und die Sehnenansätze werden eben anfälliger für Störungen als früher. Die Schnellkraft ist sicher die Knacknuss für ältere Athleten. Andererseits waren meine körperlichen Werte bei unseren Routine-Sprungkrafttests zwischendurch hervorragend – und da ich sehe schon noch Spielraum für das nächste Jahr.

Es gibt Skisprungfans, die bewundern Sie dafür, dass Sie noch immer im Weltcup und an WMs mitspringen. Und es gibt solche, die fragen sich, warum Sie sich das noch antun und nicht schon lange aufgehört haben, um ihre sportlichen Erfolge zu geniessen oder um den Nachwuchs zu trainieren. Was sagen Sie dazu?

Das kann man tatsächlich von beiden Seiten so sehen. Um mich herum sind sicher viele jüngere Athleten, die nach oben wollen. Es ist andererseits in einem technischen Sport wie Skispringen immer vieles möglich. Und es ist für mich auch kein Verzicht auf ein anderes Leben, das ich gerne führen würde, anstelle von dem, was ich gerade erlebe. Ich bin eben mit Leidenschaft Skispringer. Es tut mir sicher gut, dass ich nächstes Jahr einen Horizont sehe, der mich wieder speziell herausfordert. Grundsätzlich wird es aber in Zukunft noch viel mehr ältere Athleten geben, weil die ganze Fortentwicklung in der Rehabilitation, in der Physiotherapie, der Trainingssteuerung und auch in der Ernährung solche Phänomene ermöglichen. Ich denke, Federer, Cologna, Cuche und meine Person sind da nur die Spitze einer Bewegung. 

Interessant. Sie wollen bekanntlich noch bis zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking weiterspringen. Ist das Ihr letztes grosses Ziel?

Genau. 

Und danach hören Sie auf?

(lacht) Ja, davon gehe ich dann wohl auch aus. Ich will es auf jeden Fall noch einmal in Peking wissen. Ich kann sicher nicht nach China fahren mit dem Vorsatz, dort eine Medaille gewinnen zu wollen, aber ich will meine Leistungsspitze nochmals abrufen. Das motiviert mich. 

Zurück in die Schweiz. Sie haben ja vergangenen Sommer eine Fundraising-Aktion lanciert, um die Einsiedler Schanzen sanieren zu können. Viel Geld ist dabei nicht zusammengekommen. Ist den Schweizern das Interesse am Skisprungsport verloren gegangen?

Ich glaube nicht. Ich finde, das Skispringen hat sich zwar nicht wie der alpine Skisport etabliert, aber es wird doch regelmässig im Fernsehen gezeigt – und zwar öfter als früher. Wir haben auch eine Fangemeinde, die nicht nur in der Deutschschweiz verwurzelt ist. Was uns allerdings in der Schweiz sicher nicht so gelungen ist: Eine ähnliche Skisprungbegeisterung wie in Polen auszulösen – um die Person von Adam Malysz herum. Das ist schade. Deshalb sind wir glücklich, dass die Finanzierung der neuen Spur auf den Einsiedler Schanzen unterm Strich doch noch gelungen ist – dank verschiedener Geldquellen. Damit können wir uns kommenden Sommer wirklich auf einer neuen Spur in Einsiedeln gut auf Olympia vorbereiten.

«Wir sind glücklich, wenn unsere Kinder Talente haben – alle Talente, ausser dem Skispringen.»

Wie wichtig sind die Einsiedler Schanzen überhaupt noch?

Ich finde, Einsiedeln ist ein enorm wichtiger Trainingsstützpunkt. Für mich war das in Einsiedeln die letzten 15 Jahre auf jeden Fall so. Der sportliche Stellenwert der Schanzen ist enorm hoch für uns Springer. Das sieht man auch an der Entwicklung von Killian Peier, der sich ja in Einsiedeln niedergelassen hat, um hier regelmässig trainieren zu können. Er hat von dem Umfeld im Klosterdorf sehr profitiert. Das Profil der Schanzen Einsiedeln ist grundsätzlich sehr anspruchsvoll. Wer in Einsiedeln gut springt, springt auch sonst gut. Und mit der neuen Spur kommt das dann wieder sehr gut für die Schanzen als nationaler Trainings- und Nachwuchsstützpunkt, nicht zuletzt auch für Sprungwettbewerbe im Sommer.

Apropos Nachwuchs. Sie haben ja drei Kinder. Sollen die auch irgendwann von der Schanze springen?

Ich sage es jetzt mal so. Wir sind glücklich, wenn unsere Kinder Talente haben – alle Talente ausser dem Skispringen (lacht). 

Es muss also nicht unbedingt Skispringen sein?

Nein, wir sind einfach froh, wenn unsere Kinder Talente haben.

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