Corinne Suter mit ihren WM-Medaillen. Bild Robert Betschart

Corinne Suter ist Weltmeisterin. Die Schwyzerin spricht über ihre Vorbildrolle, Ferien und natürlich über ihren WM-Titel.

MIT CORINNE SUTER SPRACH ROBERT BETSCHART

Wir treffen uns für das Interview in Flüelen, wo Sie seit rund einem Jahr mit Ihrem Freund zusammenleben. Fühlen Sie sich jetzt eigentlich als Urnerin oder doch noch mehr als Schwyzerin?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dort, wo man aufgewachsen ist, wird immer so etwas wie die Heimat bleiben. Aber ich fühle mich auch hier in Flüelen sehr akzeptiert und sehr wohl. Ich würde das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Am Montag hatten Sie im Hoch-Ybrig die letzten Skitests. Nun stehen für Sie bis Mitte Mai ein paar Wochen Ferien an. Freuen Sie sich auf diese Zeit?

Ja, sehr. Wir waren in einer privilegierten Position und hatten das Glück, trotz der Pandemie viele Rennen fahren zu können. Trotzdem war die vergangene Saison aufgrund der grossen Vorsichtsmassnahmen in Bezug auf das Coronavirus noch anstrengender als sonst.

Die ganze Testerei an den Rennen und für die Reisen war das eine. Dazu kam, dass wir alle unsere Kontakte sehr stark eingeschränkt haben und extrem vorsichtig sein mussten. Das zehrt schon an der Substanz. Auch im mentalen Bereich.

Auf was freuen Sie sich denn in den Ferien am meisten?

Ich freue mich darauf, die Zeit mit meinem Freund und mit meiner Familie zu geniessen. Ich konnte zum Beispiel am Montag endlich meine Tasche richtig verstauen und brauche sie nicht in zwei Tagen wieder hervorzunehmen, weil ich auf der Durchreise bin. Das ist so schön, jetzt einfach mal hier zu sein, mal in den Pferdestall zu gehen und für die anderen Seiten des Lebens Zeit zu haben. Es gibt mich nicht nur als Skifahrerin.

Wie meinen Sie das?

Viele kennen mich aus dem Fernsehen, und wenn sie mich zum ersten Mal antreffen, wird automatisch übers Skifahren geredet. Das ist auch normal, und so funktioniert der Small Talk halt einfach. Ich habe auch grosse Freude daran, dass offenbar so viele Leute mich und die anderen Fahrerinnen am TV verfolgen. Dessen ist man sich manchmal gar nicht richtig bewusst.

Aber umso wichtiger finde ich es, auch einmal etwas Abstand zu kriegen und die engsten Leute um sich zu haben. Wenn ich zum Beispiel heimkomme, wird einfach mal gar nicht übers Skifahren gesprochen, sondern übers alltägliche Leben und das Übliche halt. Das finde ich sehr schön und wichtig.

Ein Teil der langen Saison war die WM in Cortina d’Ampezzo. Sie brillierten mit Abfahrtsgold und Silber im Super-G. Sie sind jetzt Weltmeisterin. Was löst das mit mittlerweile zwei Monaten Abstand in Ihnen aus?

Ich glaube, ich beginne es erst jetzt so richtig zu realisieren. Während der Saison ist man so viel unterwegs und reist von einem Rennen zum nächsten. Deswegen hatte ich kaum Zeit, es etwas setzen zu lassen. Jetzt habe ich die Möglichkeit, mal etwas runterzufahren und die WM in meinem Kopf Revue passieren zu lassen. Dies löst in mir natürlich extrem schöne Emotionen aus.

Ihr Freund war in Cortina an der WM mit dabei. Aber Ihre Familie konnte ja aufgrund der Corona-Krise nicht vor Ort sein. Wie lange hat es gedauert, bis Sie Zeit hatten, mit Ihr zu telefonieren?

Ich glaube, wir haben schon telefoniert, noch bevor die letzte Fahrerin im Ziel war.

Fliessen da Tränen während so eines Gesprächs?

Ja, und das Spezielle war, dass wir am Anfang gar nicht viel miteinander gesprochen haben. Wir haben uns einfach verstanden. So wie: «Wir haben es geschafft.» Da hat es nicht viele Worte gebraucht.

Hat der Weltmeistertitel Ihr Leben verändert?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Ich glaube, es ist nun mehr Anerkennung da, und der Bekanntheitsgrad ist gestiegen. Ich werde beispielsweise öfters auf der Strasse von Leuten angesprochen und werde auch mehr nach Fotos oder Autogrammen gefragt. Aber für mich hat sich eigentlich nicht viel geändert.

Es ist ja ein Steigerungslauf sondergleichen, den Sie hingelegt haben. Die zwei WM-Medaillen in AAre vor zwei Jahren. Vor einem Jahr der Gewinn der zwei Kristallkugeln. Jetzt Weltmeisterin. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, es ist der Lohn für die harte Arbeit. Schon mein ganzes Leben lang war ich sehr ehrgeizig und habe einfach nie aufgegeben. Ich sehe die Erfolge als Belohnung für die Trainings, den Schweiss und das, was ich alles in den Skisport investiert habe.

Steigt der Druck aufgrund dieses WM-Titels nun zusätzlich? Oder macht Sie der Erfolg gelassener?

Ich empfinde es so, dass damit der Druck weg ist. Ich habe das erreicht, was ich will, und das ist eine grosse Befreiung. Ich lasse mich nicht mehr von gewissen Medien, Trainern oder Aussenstehenden zu stark unter Druck setzen. Das war früher nicht immer so und ein persönlicher Lernprozess, den ich durchgemacht habe. Aber ich glaube, dass ich das jetzt sehr gut im Griff habe.

Mit noch mehr Erfolg wird man von noch mehr Menschen bejubelt und wird auch für die jungen Fans zu einem Vorbild. Wie sehen Sie diese Vorbildrolle? Kann das auch zur Belastung werden?

Früher hatte ich mehr Mühe mit dieser Rolle, weil ich mich selbst eigentlich nicht als Vorbild sehe, wo alles perfekt und gut ist. Aber dann habe ich versucht, mir vorzustellen, wie es war, als ich selbst noch klein war und ebenfalls grossen Idolen nachgeeifert habe. Deshalb denke ich, dass es gut und richtig ist, vor allem für die jungen Fans diese Rolle anzunehmen. Und es gibt mir selbst auch viel zurück.

Inwiefern?

Wenn ich sehe, wie Mädchen und Buben mir Briefe schreiben – mit wunderschönen Worten – oder Zeichnungen malen, berührt mich das sehr. Auch haben wir kürzlich eine Schulklasse besucht. Die Reaktionen und die lachenden Gesichter der Kinder waren unbezahlbar.

Die Stimmen von so erfolgreichen Sportlerinnen und Sportlern haben im öffentlichen Diskurs Gewicht. Einige setzen sich beispielsweise für das Klima oder andere Themen ein. Sie scheinen sich vor allem auf den Sport zu konzentrieren und meiden solche Nebenschauplätze. Täuscht dieser Eindruck?

Ich persönlich finde es heikel, wenn man als Sportler das Gefühl bekommt, sich in der Öffentlichkeit über solch grosse Themen äussern zu müssen. Insbesondere dann, wenn man keinen direkten Bezug zu gewissen Themen hat und nicht damit aufgewachsen ist. Wenn ich einmal eine Aussage machen werde oder sonst etwas zu einem Thema beitragen möchte, dann will ich mir das vorher genau überlegen, es muss einen guten Aufbau dahinter haben.

Ihr Weltmeistertitel ist historisch, und fast jeder in der Region hat sich darüber gefreut. Der Skiclub Schwyz möchte ja gerne noch eine Feier und einen Einzug organisieren. Aufgrund der Corona-Pandemie ist dies jedoch schwierig. Was löst das in Ihnen aus?

Es ist sehr speziell. Bereits im letzten Jahr konnten wir die Saison und die Erfolge aufgrund der Pandemie nicht gemeinsam feiern. Aber ich hoffe, dass es vielleicht im Sommer besser wird und wir noch etwas nachholen können. Denn ich möchte den Menschen, die mich immer unterstützt haben, den Leuten, die Fahnen aufgehängt oder mir Briefe geschrieben haben, auch mal etwas Kleines zurückgeben und Danke sagen. 

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